Vorlesung Strukturchemie der Oxide
5. Komplexe Oxide: Beispiel AM2O4
Anhand von Verbindungen der allgemeinen Formel AM2O4
soll exemplarisch für eine Zusammensetzung gezeigt werden, wie sich in
Abhängigkeit von den Ionenradien von A und M die jeweils auftretenden
Strukturtypen unterscheiden. Die Zusammensetzung wurde gewählt, weil
sie (neben den Oxiden AMO3) die wichtigsten ternären Oxide
einschließt, zugleich aber noch überschaubar bleibt. Zu dieser
Verbindungeklasse gehören z.B. geologisch und technisch wichtige Oxide wie z.B.
- (Mg,Fe)2SiO4, das in der Olivin- oder
Spinell-Modifikation wesentlicher Bestandteil der Erdkruste ist
und dessen Phasenübergang Olivin -> Spinell von geologische Bedeutung ist.
In 400 bis 1000 km Tiefe erfolgt eine Dichteerhöhung der Erdkruste um
10\%, die auf die genannte Phasenumwandlung zurückgeführt werden kann.
- Ferrite MFe2O4 (M=Zn, Mn, Ni, Mg) sind wichtige
ferrimagnetische Materialien.
- Luminenszenz/Phosphoreszenz-Materialien wie z.B.
Mn-dotierter Phenakit Be2SiO4 gehören ebenfalls zu
dieser Verbindungsklasse.
- ...
Eine ganze Reihe von Oxiden dieser Reihe bildet in Abhängigkeit von
Druck und Tempeatur mehrere Phasen, so daß wiederum die
Betrachtung strukturbestimmender Faktoren
(z.B. bei Na2SO4) möglich wird.
Das folgende Strukturfelddiagramm zeigt die verschiedenen Vertreter der
9 grundlegenden Strukturtypen in Abhängigkeit von den Ionenradien
von A und M. Isotype Verbindungen befinden sich jeweils in bestimmten Bereichen
(Feldern) des Diagramms (Strukturfelddiagramme)
Erläuterungen:
- Anklicken der Feldnummern verweist auf die Details der Strukturen und
die Beschreibung der unterschiedlichen Vertreter
- Anklicken des grauen Randes verweist auf die vergrößerte
Version des Diagramms.
- Die Atome A sind in den Darstellungen unten z.T. mit
Koordinationspolyedern, z.T. nur als
Kugeln dargestellt. Die Koordinationspolyeder um M sind rot
gekennzeichnet.
| 5.1. Strukturfeld Oxide AM2O4
‣SVG |
Betrachtet man zunächt nur die Koordinationszahlen der Atome
A und M (ohne die Strukturtypen genauer zu kennen), so lassen sich
drei Gruppen von Strukturtypen unterscheiden
(Die Koordinationszahlen sind als hochgestellte römische Zahlen
angegeben).
- Strukturen mit kleinem Ionenradius für A liegen entlang der y-Achse.
Eher als M2AO4 zu bezeichnen sind die
Verbindungen mit [AO4]-Tetraedern.
Die Koordinationszahl von M fällt entsprechend mit sinkendem
Ionenradius von M, so daß sich die Reihe
β-K2SO4 (1),
Na2SO4 (4),
Olivin (Nr. 5) und Phenakit (Nr. 6) ergibt.
- Strukturen mit keinem Ionenradius von M liegen entlang der x-Achse.
Hier ergibt sich die Folge
Phenakit (6) und BaAl2O4 (9).
- Wenn A und M etwa gleichen Ionenradius aufweisen, ergibt sich
die Abfolge der Strukturtypen entlang der Diagonalen, d.h. mit abnehmenden
A- bzw. M-Ionenradius nehmen die Koordinationszahlen entsprechend ab:
Sr2PbO4 (CN 6 und 7) - MgAl2O4
(CN 4 und 6) - Be2SiO4 (CN 4 und 4).
Bei diesen Strukturtypen ist, da A und M etwa gleich große Ionenradien
aufweisen, entsprechend eine Konkurrenz zwischen beiden Kationen bezüglich der
Besetzung der einzelnen Positionen möglich (z.B. bei den Spinellen).
- Bei kleineren Ionenradien von A und M (ca. kleiner 60-70 pm)
sind lediglich Tetraederpositionen besetzt (Phenakit-Typ (Nr. 6).
Bei etwas größeren Ionenradien werden Strukturen ausgebildet, die sich
über dichteste Packungen der O-Atome beschreiben lassen und in denen
sowohl Oktaeder- als auch Tetraederlücken besetzt sind:
Im Spinelltyp (Nr. 7) bilden die Oxidionen eine kubisch flächenzentrierte
dicht Packungen, in der die Hälfte der Oktaeder- und 1/8 der
Tetraederlücken besetzt sind. Im Olivin-Typ (Nr. 5) liegt - bei gleicher
Lückenbesetzung - eine hexagonal dichte Packung der Oxid-Ionen vor.
Die einzelnen Strukturtypen
Der K2SO4-Typ
(entsprechend M2AO4)
wird bei kleinem Ionen A und sehr großen Ionen M ausgebildet.
Entsprechend der Formel
KXKIXSIVO3VIOV
sind die großen M-Kationen von 9 bzw. 10 O-Nachbarn umgeben. A ist
tetraedrisch koordiniert. Für die Oxidionen ergeben sich
Koordinationszahlen von 4 und 5.
Der β-K2SO4-Typ ist ein sehr weit verbreiteter
Strukturtyp. Die Struktur enthält isolierte SO42--Tetraeder
und zwei kristallographisch verschiedene K-Positionen mit CN 9 bzw. CN 10
gegen Sauerstoff.
Die Struktur wird bei Oxiden verschiedener Typen beobachtet:
| Formel |
M21+A6+O4 |
M22+A4+O4 |
M1+M2+A5+O4 |
M1+ M3+ A4+O4 |
| Beispiel |
K2MnO4 |
Eu2SiO4 |
KBaPO4 |
NaYSiO4 |
Er ist auch bei Sulfiden, Seleniden und Halogeniden häufig.
Die AO4-Tetraeder sind nahezu unverzerrt. Ausnahmen
sind z.B. Cs2CuBr4, wo die
[CuO4]-Tetraeder Jahn-Teller-verzerrt sind (Tetraederwinkel: 100-130
o). Verwandt mit dem β-K2SO4-Typ
ist der Na2SO4-I -Typ, der von
Na2SO4 oberhalb von 241 oC eingenommen
wird. Hier sind die SO4-Tetraeder Rotations-fehlgeordnet.
Dieser Typ ist bei Hochtemperaturphasen recht häufig.
Die Vertreter dieser Strukturtypen verfügen z.T. über große
Lösungsbereiche.
Z.B. sind Ag2SO4 und Rb2SO4 lückenlos
miteinander mischbar.
Weitere ähnliche Strukturen sind Sr2CrO4,
α-Ca2SiO4 und Na2CrO4.
zurück zum Strukturfelddiagramm
Die Thenardit-Struktur
(Raumtemperaturform von Na2SO4)
liegt bei etwas kleinerem M(< 130 pm) vor. Die Koordintaionszahl von M ist hier
zwar 6, jedoch ist sie nicht oktaedrisch.
Zwischen isolierten [SO4]2--Tetraedern
sind die Natriumionen in verzerrt trigonal-prismatischer Umgebung eingelagert.
Beispiele für diesen Strukturtyp sind neben
der Raumtemperaturform von Na2SO4,
Na2SeO4, Ag2SO4 und Cd2SiO4.
zurück zum Strukturfelddiagramm
Der K2NiF4-Typ
liegt bei größeren Ionenradien von A (> 60pm, im Bereich der Oktaederkoordination für A)
und bei recht großen (> 120 pm) Radien von M.
Die Struktur besteht aus [AO6]-Oktaedern, die über
vier Ecken zu Schichten AO4/2O2 verknüpft sind.
Die zwischen die Schichten eingelagert M-Ionen weisen eine Koordinationszahl von 9
gegen Sauerstoff auf.
Der K2NiF4-Typ kann auch als 'Intergrowth' von Perowskit-
und NaCl-Typ beschrieben werden.
Entsprechend sind Verbindungen mit anderen Stapelfolgen
bekannt:
- 1 SrTiO3 + SrO --> Sr2TiO4
- 2 SrTiO3 + SrO --> Sr3Ti2O7
- 3 SrTiO3 + SrO --> Sr4Ti3O10
Der Strukturtyp ist (vor allem bei den Halogeniden) weit verbreitet und
wird bei verschiedenen Oxiden beobachtet:
| Formel |
M22+A4+O4 |
M21+A6+O4 |
M23+A2+O4
| M2+M3+A3+O4 |
| Beispiel |
M=Ca,Sr,Ba,Eu; A=Pb,Sn,Ti und viele TM4+ |
Rb2UO4 (verzerrt) |
La2NiO4 |
SrDyCrO4 |
Abgeleitete Varianten sind:
- verzerrte Variante: M2UO4 (mit M = K, Rb, Cs)
in denen Uranyl UO22+ vorgebildet ist.
- Defektvariante: Sr2CuO3 und
Sr2PdO3 (ein O fehlt).
Bei größerem A und M tritt der
Sr2PbO4-Typ
auf (mit Angaben der Koordinationszahlen: Sr2VIIPbVIOV4).
Die Struktur besteht aus [PbO6]-Oktaedern, die über gemeinsame Kanten zu Strängen
verbunden sind und zwischen denen sich die Sr-Ionen (CN=7) befinden.
Beispiele für diesen Strukturtyp sind (Ca,Sr,Cd)2(Pb,Sn)O4 und
Cd2PtO4.
Sehr ähnlich ist die Struktur von Ca2IrO4, in der aber drei verschiedene
Koordinationszahlen für M vorliegen.
Der CaFe2O4-Typ
mit Koordinationszahlen von 6 und 8 (CaVIIIFe2VIO4V)
tritt dann auf, wenn
A groß und M von mittlerer Größe ist.
Die Struktur besteht aus [FeO6]-Oktaedern, die über Ecken und Kanten
zu einem dreidimensionalen Netzwerk verknüpft sind, wobei Doppelstränge aus Oktaedern
vorliegen. (Diese Doppelstränge verlaufen in obiger Abbildung aus der Tafelebene heraus).
In den Kanälen sind die Ca-Ionen (CN=8) eingelagert.
Der CaFe2O4-Typ
kommt vor allem bei Verbindungen A2+M23+O4
(z.B. SrY2O4) aber auch bei Verbindungen
A1+M3+M4+O4 (z.B. NaAlGeO4) vor.
Neben den Beispielen, in denen M die oktaedrische Koordination einnimmt,
gibt es mit
MgSc2O4
auch ein Beispiel mit invertierter Verteilung
(Mg- und die Hälfte der Sc-Atome in Oktaederkoordination,
die andere Hälfte der Sc auf den Ca(A)-Position).
Der BaAl2O4-Typ
liegt vor, wenn A sehr groß (>120 pm) und M sehr klein (< 60 pm)
ist. Die Struktur besteht aus [MO4]-Tetraedern, die über alle Ecken
verknüpft sind. Die M-Kationen befinden sich in den
Hohlräumen und sind von 12 Oxid-Ionen koordiniert (gestopfter Tridymit).
Beispiele für Verbindungen dieses Typs sind
- BaFe2O4
- CaAl2O4
- KAlSiO4
- KNa3Al4Si4O16 und
- NH4LiSO4.
Wenn die Ionen A und M nur sehr klein sind, kommen sie beide nur in tetraedrische Koordination
gegen Oxidionen vor ( Be2SiO4, Phenakit) .
Damit ergibt sich als Formel
Be2IVSiIVO4.
Die Struktur läßt sich als 3-dimensionale Netzwerk aus Be,Si-Tetraedern
beschreiben. Jede O-Polyederecke gehört zu drei Tetraedern, von denen jeweils
eines ein SiO4-Tetraeder ist.
Es resultiert eine offene Gerüststruktur mit Ähnlichkeiten mit den
SiO2-Modifikationen, die
Kanäle entlang [001] in der rhomboedrischen Struktur aufweist.
Beispiele für diesen Strukturtyp sind Li2WO4,
Al23+Cd2+O4 und LiAlGeO4.
Die nächste Gruppe von Verbindungen mit vergleichsweise kleinen A- und
M-Kationen lassen sich über dichte Packungen der O2--Ionen
beschreiben, in denen
die Hälfte aller oktaedrischen und 1/8 aller tetraedrischen Lücken besetzt
sind.
Olivin (Nr. 5, h.c.p.-Packung der Anionen) und Spinell (Nr. 7, f.c.c.-Packung der Anionen)
sind die wichtigsten Vertreter der Oxide AM2O4 überhaupt.
Olivin
( Gesamtstruktur und
eine einzelne Schicht )
ist der allgemeine Name für die Verbindungen der Mischungsreihe
Mg2SiO4 (Forsterit) - Fe2SiO4
(Fayalit). Mit Kennzeichnung der Koordinationszahlen:
Fe2VISiIVO4IV.
Die Struktur besteht aus einer hexagonal dichten Packung von
O2--Ionen, in denen die A-Kationen (Si) die Tetraederlücken und
die M-Kationen (Fe) die Oktaederlücken besetzen.
Die dichten Schichten (Stapelfolge A-B-A-B) verlaufen senkrecht [100] in der orthorhombischen
Elementarzelle (Aufsicht s.o.). Die Oktaeder sind über Kanten zu Stränge (mit weiteren ankondensierten
Oktaedern) verknüpft. Die Schichten sind um 1/2 in b versetzt so übereinander
angeordnet, daß sich keine gemeinsamen Flächen zwischen den Oktaedern
ergeben. Die zwei kristallographisch verschiedene M-Positionen sind
im Olivin durch Mg und Fe z.T. statistisch besetzt, z.T. auch ausgeordnet.
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| 5.2. Struktur von Olivin
‣VRML |
Die Struktur wird bei Oxiden verschiedener alllgemeiner Typen beobachtet:
| Formel |
M22+A4+O4 |
M23+A2+O4 |
M2+M3+A3+O4 |
M1+M2+A5+O4 |
M1+M3+A4+O4 |
| Beispiel |
(Ca,Mn,Fe,Co,Mg)2(Si/Ge)O4 |
Al2BeO4 |
MgAlBO4 |
LiMgVO4 |
LiYSiO4 |
Die Kristallstruktur des Spinells
läßt sich analog der des Olivins beschreiben, nur daß eine
f.c.c.-Packung der O2- vorliegt (1/2 der OL und 1/8 der TL
besetzt). Der Spinelltyp ist der häufigste Strukturtyp
der Verbindungen AM2O4.
Die Koordintaionsoktaeder um M sind über zwei Kanten zu Strängen
verknüpft, die kreuzweise übereinander liegen.
In diesem Netzwerk befinden sich die MgO4-Tetraeder, die voneinander
isoliert sind und mit je drei Oktaedern verknüpft sind.
Wie beim Olivin liegen auch hier keine gemeinsamen Flächen zwischen den Polyedern vor.
Weitere Abbildungen zur Spinell-Struktur s. Kap. 4.4.
der Vorlesung Chemie der Metalle.
Die Struktur wird bei Oxiden verschiedener Typen beobachtet:
| Name |
(2,3)-Spinelle |
(4,2)-Spinelle |
(6,1)-Spinelle |
| Formel |
A2+M23+O4 |
A4+M22+O4 |
A6+M+O4 |
| Beispiele |
A=Mg,Mn,Co,Ni,Cu,Zn; M=Al,Cr,Fe |
TiMg2O4, WNa2O4, PbFe2O4 |
MoGa2O4 |
| |
80% aller Verb. |
15% aller Verb. |
|
Nach dem Besetzungsverhältnis lassen sich weiter unterscheiden:
- Normalspinell: AtM2oO4
- Inversspinell: Mt[AM]oO4
- Verbindungen dazwischen werden durch den Inversionsgrad i
unterschieden:
[M2iA1-2i]t[A2iM2(1-i)]oO4.
Die Art der Besetzung hängt ab von:
- Temperatur
- Madelungkonstante und u-Parameter
- Ordnungs-Unordnungs-Phänomen
- Ionenradius
- Ladung
- LFSE
- Polarisation
Als Faustregel läßt sich feststellen, daß
die meisten (2,3) Normalspinelle sind
größere Madelungkonstante, bessere Abschirmung
der Hochgelad. \\
(4,2)-Spinelle mit mit u-Parameter gr"o"ser 0.380 sind fast alle Inversspinelle.
Voraussagen über die Kationenverteilung sind im Einzelfall oft nicht
trivial.
Zusammenfassung
Für die ternären Oxide AM2O4
gelingt die Separation nach Strukturtypen nahezu vollständig bei
Betrachtung allein der geometrischen Verhältnisse (Ionenradien).
In Einzelfällen (Elementverteilung bei den Spinellen) sind
Ligandenfeld-Einflüsse mit entscheidend.